Bahnbetrieb kurz erklärt – Gepäck im Güterzuggepäckwagen?

Mit Auslieferung der neuen Lenz-Pwg kam die oben gestellte Frage immer wieder auf – zum Thema „Ladegut im Pwg“ ist bereits viel spekuliert worden! Nun hat Lenz mit dem Pwghs 54 einen weiteren Pwg angekündigt, so dass das Thema weiter aktuell ist. Man kann aber kurz und einfach sagen: Die Beförderung von Gepäck war nicht Aufgabe eines Pwg. Aber warum heißen diese Wagen dann „Gepäckwagen“?

.

Zur Klärung vorweg erst einmal die Frage: Was ist Gepäck? Gepäck ist das, was ein Reisender (!) mit sich führt oder vor Fahrtantritt der Eisenbahn zur Beförderung übergibt und was den gleichen Reiseweg wie der Reisende hat, es begleitet den Reisenden also bei seiner Reise. Gepäck wurde bei den Eisenbahnen in Deutschland nach den Grundsätzen des Personenverkehrs abgefertigt und befördert. Abrechnungsunterlage und Beförderungspapier für Gepäck war die Gepäckkarte. Also zur Gepäckbeförderung wurden Reisezüge und keine Güterzüge genutzt. Der klassische „Gepäckwagen“ oder auch „Packwagen“ ist ein Wagen des Personenverkehrs, das erkennt man auch an der Gattungsbezeichnung „D“. Er gehört in Reisezüge und nicht in Güterzüge. Typische Gepäckstücke waren Koffer, nicht verpackte Zweiräder oder Sportgeräte – eben das, was ein Reisender auf seinen Reisen benötigte.

.

Darüberhinaus bestand die Möglichkeit, Koffer, Zweiräder, Sportgeräte oder sonstige Sachen, die nicht schwerer als 100 kg sein durften, als „Expressgut“ aufzugeben. Expressgut war bis zur Etablierung privater Kurierdienste u.ä. die einzige Möglichkeit, Sendungen, die für die Postbeförderung zu schwer waren (maximal 20 kg bei Paketen) schnell durch Deutschland und in bestimmte Nachbarländer zu versenden. Expressgut wurde in Expressgutabfertigungen aufgegeben und am Zielbahnhof entweder an selbigen abgeholt oder durch bahnamtliche Rollfuhrunternehmer mittels Lkw zugestellt. Expressgut wurde genau wie Reisegepäck mit Reisezügen befördert – daraus resultierte die hohe Reisegeschwindigkeit und begründete bis in die 90er Jahre den guten Ruf des Expressgutdienstes. Expressgut wurde ebenfalls nach den Grundsätzen des Personenverkehrs abgefertigt und befördert. Abrechnungsgrundlage und Beförderungspapier war die Expressgutkarte. Es gab gegen Ende der Expressgutbeförderung reine Expressgutzüge, in denen auch Reisegepäck befördert wurde. Diese Züge galten als Reisezüge bzw. hatten Zugnummern aus den Zugnummernbereich des Personenverkehrs.

.

Reisegepäck und Expressgut wurden am Bahnsteig ein-, aus- und umgeladen – beides hatte nichts am Güterschuppen zu suchen!

.

Da ein Pwg (Abürzung für Güterzuggepäckwagen – „Pw“ = Packwagen, „g“ = für Güterzüge) normalerweise in Reisezügen nichts zu suchen hatte, konnte sich folglich kein Gepäck und auch kein Expressgut im Pwg befunden haben. Pwg waren keine Reisezugwagen und somit auch nach den Tarifen und Rechtsverordnungen nicht zur Beförderung von Reisenden und deren Gepäck zugelassen! Gepäckwagen (keine Pwg!) hatten übrigens Bezeichnungen des Reisezugverkehrs, sei es anfänglich „Pw“ oder später „D“ als Hauptgattungsbezeichnung.

.

Doch schauen wir mal auf den Güterverkehr:

.

Im Güterverkehr gab es den Wagenladungsverkehr und den Stückgutverkehr. Wagenladungsverkehr spricht für sich selber, der Wagenladungsverkehr hat direkt nichts mit Pwg zu tun. Stückgut war bis zur Abschaffung Mitte der 90er Jahre das, was am Güterschuppen in der Güterabfertigung aufgegeben werden konnte und die Standardbeförderungsart für Kisten und ähnliches durch ganz Deutschland. Als Modellbahner kennen wir alle die Bilder von Sackkarrenbedienern an Güterrampen, von vielen Kisten im Güterschuppen und Reihen von G-Wagen am Güterschuppen. Stückgut wurde in geschlossenen Güterwagen befördert und mittels Sackkarren und später auch unter Zuhilfenahme von Hubwagen und Gabelstaplern verladen. Packmittel im Stückgutverkehr waren Paletten und Gitterboxpaletten – diese gab es im Gepäck- und Expressgutverkehr nicht. Abrechnungsunterlage und Beförderungspapier war der Frachtbrief, es galten die Abrechnungsgrundsätze und Tarife des Güterverkehrs. Die G-Wagen, in denen Stückgut befördert wurden, verkehrten nach festen Umlaufplänen – im Gegensatz zu normalen Wagenladungen. Auch die Bedienung der Güterschuppen, also das Zustellen und Abholen der G-Wagen mit Stückgut, war in Bedienungsplänen geregelt.

.

Stückgut hatte als Bestandteil des Güterverkehrs nichts am Bahnsteig zu suchen, es war nur am Güterschuppen zu finden!

.

Abschließend kann auch hier festgehalten werden, dass keine Pwg zur Beförderung von Stückgut herangezogen wurden! Weiter waren Pwg wie oben schon ausgeführt keine Reisezugwagen und auch keine Güterwagen des öffentlichen Verkehrs, sondern Bahndienstwagen!!!! Und Gepäck, Expressgut oder Stückgut haben in Bahndienstwagen nichts zu suchen gehabt!

.

Doch was wurde dann in Pwg befördert? Hier helfen Publikationen von Stefan Carstens weiter: Ein Pwg war ein Güterzugbegleitwagen und diente als rollendes Büro für den Zugführer und den Lademeister (er verwaltete unter anderen die Frachtbriefe, auch die der Wagenladungen, und sortierte diese ggf. auch während der Fahrt, deswegen auch die Sortierfächer im Pwg!). Zu Zeiten, als es noch Bremser gab, konnten sich diese bei Stillstand des Zuges im Pwg aufhalten und ggf. aufwärmen (deswegen der Ofen im „Packabteil“). Sofern der Zug unterwegs Rangierdienst hatte und Rangierer mitfahren mussten (bspw. auf Nebenbahnen), hielten sich diese ebenfalls während der Fahrt im Pwg auf. Wer sich die Innenaufteilung eines Pwg anschaut, findet in der Regel zwei bis drei gepolsterte Sitze für Zugführer und Lademeister und teilweise klappbare Holzsitze oder -bänke für mitreisenden Rangierer oder Bremser (ggf. wurden nach Absetzen von Wagen nicht mehr alle Bremser für die Fahrt benötigt, die nicht mehr benötigten Bremser fuhren dann auch im Pwg mit). So eine Zugmannschaft konnte durchaus aus bis zu 15 Eisenbahnern bestehen.

.

Soweit so gut – es bleibt die Frage, warum Schiebetüren und ein großes, teilweise leeres Packabteil?

.

Auch hier findet man bei Carstens das richtige: Die ersten Pwg waren ausgemusterte Packwagen des Reiseverkehrs. Und diese hatten Schiebetüren! Diese Konstruktionsgrundsätze wurden beim Bau der ersten reinen Pwg übernommen, ebenso wie die weichere Reisezugwagenfederung! Übrigens waren die Pwg bis zum Bau der Kriegs-Pwg, die aus Güterwagen abgeleitet wurden, immer mit einem Fahrwerk nach Reisezugwagengrundsätzen ausgerüstet – also lange Federn und weniger Federblätter als bei Güterwagen.

.

Für die Schiebetüren gab es noch einen weiteren praktischen Grund: In Pwg wurden durchaus Werkzeuge und Materialien sowie Mitarbeiter der Bahnmeistereien (auch die „Rotte“) befördert – besonders auf Nebenbahnen! Zur Erinnerung: Damals gab es noch keine VW-Busse und die wenigen Draisinen waren den Aufsichtsführenden vorbehalten – das änderte sich erst, als die Klv50 und Folgebauarten im großen Stil in den 50er Jahren zum Einsatz kamen. Und für das Ein- und Ausladen waren Schiebetüren sehr praktisch.

.

Es wurde das sogenannte „Dienstgut“ erwähnt. Dienstgut gab es als Expressgut und als Stückgut (und der Vollständigkeit halber auch als Wagenladung) und wurde genau wie Expressgut und Stückgut befördert, also in Reise- oder Güterzügen. Dienstgut hatte also grundsätzlich nichts im Pwg zu suchen.

.

Das waren die Regeln. Und wie sagt der Volksmund: Keine Regel ohne Ausnahme!

.

Welche Ausnahmen gab es? Wenn ein Pwg in Reisezügen als Gepäckwagen-Ersatz zum Einsatz kam, dann konnte es sein, dass Reisegepäck und Expressgut im Pwg zu finden waren. Nur war der Wagen dann kein Güterzugbegleitwagen, sondern Ersatz-Gepäckwagen. Dafür gibt es im www (schaut mal im Hifo bei Drehscheibe-online nach) ein paar bildliche Nachweise. Der allseits bekannte PmG („Personenzug mit Güterbeförderung, also ein Reisezug, der auf den Unterwegsbahnhöfen rangierte) könnte so eine Ausnahme gewesen sein, doch gab es einen praktischen Grund, warum man auch im PmG keine Pwg als Gepäckwagen eingesetzt waren: Pwg hatten keine Übergänge zu den Nachbarwagen. Somit hatten der Zugführer und der Schaffner keine Gelegenheit, sich während der Fahrt um Reisende in den Reisezugwagen und um Reisegepäck und das Expressgut im Gepäckwagen zu kümmern, was aber nicht nur nach Regelwerk notwendig war.

.

Eine andere Ausnahme könnte die Beförderung von Dienstgut und EDS (Eisenbahn-Dienst-Sache, bahninterne Post- und Paketbeförderung, normalerweise in Reisezügen parallel zum Reisegepäck und Expressgut) auf Strecken ohne Personenverkehr zur Versorgung der Stellwerke und Schrankenwärter-Posten sein. Das war vom Volumen her aber sehr wenig und für die Nachbildung im Modell vernachlässigbar.

.

Zusammenfassend möchte ich empfehlen, im Laderaum eines Pwg nie Gepäck oder andere Packstücke zu deponieren – sie gehören da einfach nicht hin. Anders sieht das mit Materialien und Werkzeugen der Bahnmeisterei aus – das „passt schon“ eher!

.

Weiter sei mir noch ein Blick auf die „Besatzung“ des Pwg gestattet: Alle hier Mitfahrenden unterlagen dem Dienstkleidungspflicht (zumindest bei der DB). Der Zugführer und der Lademeister trugen die bekannte blaue Uniform. Bremser und Rangierer hatten zweckmäßigere schwarze Bekleidung, teilweise sehr dick gefüttert. Wenn die Rotte mitfuhr, dann trugen auch diese schwarze Schutzkleidung, nur die Aufsichtsführenden trugen wiederum blaue Uniformen. Latzhosenträger mit Baumfällerhemd haben im Pwg nichts zu suchen, ebenso wie andere Zivilisten.

.

Auch wird immer wieder gefragt, wo im Zug der Pwg einzustellen sei. Direkt hinter der Lok, mitten im Zug oder gar am Ende des Zuges… Schauen wir dazu mal in das einschlägige Regelwerk, der Fahrdienstvorschrift:

.

§ 97 Bilden der Güterzüge
1)…. Die Stellung des Gepäckwagens richtet sich nach dem betrieblichen Bedürfnis. Bei Zügen, die nach § 39 (5) mit nur einem Zugbegleiter gefahren werden, ist der Gepäckwagen in der Regel an den Schluß des Zuges zu stellen.
 

.

Doch welche Züge waren das nun? Schauen wir doch mal in den § 39 (5):

.
§39 (5) Zugmannschaft, Mindestzahl der Zugbegleiter
a) allgemein

2) bei Güterzügen, die nur aus Großgüterwagen bestehen (Großgüterwagenzüge), und bei Güterzügen bis zu 60 Achsen,
3) bei Großgüterwagenzügen mit Auslastungsgruppen bei Gesamtzuglänge von höchstens 300m,

b) mit Genehmigung der Aufsichtsbehörde
bei Güterzügen, die mehr als 60 Achsen stark, aber nicht aus Großgüterwagen gebildet sind.
Inwieweit die Aufgaben des Zugführers, Fahrladeschaffners und Schaffners in einer Person vereinigt oder die Dienstgeschäfte des Zugführers dem Lokomotivführer oder des Schaffners dem Heizer (Beimann) mitübertragen werden dürfen, bestimmt die Direktion.
 

.

Damit ist klar, bei welchen Zügen eine Position am Ende des Zuges möglich war. Ansonsten hieß es: Pwg direkt hinter der Lok!

.

Die Position am Ende des Zuges hatte aber ein paar Nachteile: Der Pwg konnte nicht von der Lok mit Heizdampf beliefert werden und auch die Stromversorgung durch die Lok war nicht möglich. Sofern kein besonderer Ofen im Pwg eingebaut war und der Pwg auf elektrische Beleuchtung umgestellt war, war es im Pwg am Ende des Zuges kalt und dunkel…

.

Ich hoffe, ich konnte mit meinen Zeilen Licht ins Dunkle bringen und diejenigen unter Euch, die Gepäck in den Pwg packen wollen, davon abbringen.

.

 

Comments
4 Responses to “Bahnbetrieb kurz erklärt – Gepäck im Güterzuggepäckwagen?”
  1. Peter sagt:

    Interessante Vorbildinformationen, sehr gut verständlich geschrieben – danke!

    Freundliche Grüsse aus der Schweiz
    Peter

  2. Udo sagt:

    Hallo Stefan,
    vielen Dank für Deine informativen Ausführungen bezüglich des Pwg. Deine Erklärungen sind wie immer hilfreich, um einen vorbildlichen Betrieb auf der Modellbahn zu gestalten.
    Mit freundlichen Grüßen
    Udo

  3. Bernd sagt:

    Wieder einmal eine prima Zusammenfassung
    zum Bahnbetrieb.Vielen Dank Stefan.

    Gruß,
    Bernd

  4. Jürgen Mumme sagt:

    Vielen Dank für die Aufklärung. alles habe ich so auch nicht gewusst.
    Wünsche mir weitere so leicht verständliche Abhandlungen.
    Freundlichen Gruß
    J. Mumme

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: