Analoges Fahrverhalten verbessern – mit einer Fliehkraftkupplung!

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Es gab mal eine Zeit, da gab es in der Spur 0 noch keine digitalen Möglichkeiten, um ein vorbildgerechteres Fahrverhalten zu erreichen. Ich meine hier ein lastabhängiges langsames Anfahren, Simulation der Zugmasse, Geräusche auch im Stillstand der Lok und so weiter. Nun gut, digital geht so manches davon heute auch noch nicht, aber immerhin kann man den Loks ein Beschleunigungs- und Bremsverhalten vorprogrammieren.

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Doch erst mal zurück zu „damals“: Mitte der 80er Jahre habe ich die ersten Diesellok-Modelle gesehen, die ein funktionierendes Flüssigkeitsgetriebe hatten und in Verbindung mit einer Schwungmasse ein beinahe vorbildgerechtes Fahrverhalten zeigten. Damit meine ich ein verzögertes Anfahren, auch wenn sofort 12 Volt (die nominale Höchstspannung am Gleis) gegeben wurden. Ich erinnere mich an eine Menne-V100, deren Schwungmasse so großzügig dimensioniert war, dass die Lok nach Abschalten des Fahrstroms beinahe 20 m ausrollte. Auch erinnere ich mich an eine Rivarossi-V 160 eines Clubkollegen, welche von ihm ein selbstgebautes, liegendes Flüssigkeitsgetriebe eingebaut bekam und seitdem nicht mehr liegend transportiert werden durfte!

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Doch so ein Flüssigkeitsgetriebe war für eine Diesellok absolut vorbildgetreu, also kam auch ich nicht umhin, etwas in diese Richtung auszuprobieren.

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Die V20 war damals so was wie der „Volkswagen der Spur 0“: Der Bausatz war für, wenn ich mich richtig erinnere, 79,- DM erhältlich und bot sich für bastlerische Experimente an. Ein Flüssigkeitsgetriebe wollte ich wegen der enthaltenen Flüssigkeit nicht verbauen, also bot sich eine andere raffinierte Kupplungsbauart an: Die Fliehkraftkupplung!

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Damals bot zwar eine Firma Fliehkraftkupplungen für die Modellbahn an, aber diese waren mir zu klein, da selbige in H0-Lokomotiven hineinpassen sollten. Also musste was selbstgebautes her.

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Was ist eine Fliehkraftkupplung? Dazu stelle man sich eine Glocke vor, in deren Innern die Beläge der Kupplung gelagert sind. Diese Beläge sind in meinem Fall zwei halbkreisförmige Kunststoffteile, welche nahe eines Endes durchbohrt sind. Durch diese Bohrung sind diese beiden Halbkreise auf einem Halter geschraubt und zwar so, dass drehbar sind. Wenn dieser Halter nun durch den Motor gedreht wird, sorgt die Fliehkraft dafür, dass die halbkreisförmigen Kunststoffteile radial nach außen drängen. Da diese Halbkreise nun im Innern der Glocke sind, schleifen diese nun an der Innenseite der Glocke und wenn der Anpressdruck durch die Schwerkraft groß genug ist, reicht die Reibung an der Innenseite der Glocke und die Glocke dreht sich mit – erst langsam und dann immer schneller. Faktisch bedeutet das, dass man den Motor sofort schnell hochdrehen kann, die Halbkreise drängen dann nach außen und reiben innen an der Glocke, welche sich langsam und dann immer schneller werdend mitdreht.  Wenn die Drehzahl des Motors reduziert wird, nimmt die Reibung im Innern der Glocke ab und die Lok wird wieder langsamer.

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Das war optimal für meine Zwecke, also musste so eine Fliehkraftkupplung in eine V20 eingebaut werden! Ein Clubkollege half damals mit Drehbank und Knowhow tatkräftig aus und dann war der Antrieb der nächsten V20 fertig:

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Das Innenleben der umgebauten V20

Das Innenleben der umgebauten V20

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Im Bereich des Führerhauses wurde ein einfacher, billiger Motor eingebaut.  Eine Spiralfeder aus einer ROCO-H0-Lok verband den Motor, der damals aus Platzgründen schräg eingebaut wurde, mit dem Halter der Fliehkraftkupplung.

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Die "Antriebseinheit"

Die „Antriebseinheit“

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Eine selbst gedrehte Schwungmasse unterstütze das Laufverhalten der Lokomotive.

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Die Schwungmasse

Die Schwungmasse

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Die Glocke der Fliehkraftkupplung wurde einfach aus Messing gedreht, die halbkreisförmigen Reibelemente aus zähem Kunststoff, während der Halter einfach aus einem Messingprofil entstand.

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Blick auf die Fliehkraftkupplung

Blick auf die Fliehkraftkupplung, die beiden weißen halbkreisförmigen Reibelemente sind erkennbar

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Da dieses Getriebe natürlich bisher nicht die hohe Drehzahl des billigen Motors reduzierte, musste ein Stirnradgetriebe her, um auf eine für die Achsen genehme Drehzahl zu kommen. Im Fahrwerk wurde eine längslaufende Welle verbaut, welche in zwei Kegelradgetriebe auf den Achsen mündete. Diese Kegelradgetriebe haben wir damals in meinem Verein bei unsere Aktion des Klv 50 verbaut – schade, dass es heute nicht mehr erhältlich ist.

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Und so wurden die Achsen angetrieben

Und so wurden die Achsen angetrieben

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Im Betrieb funktionierte die Fliehkraftkupplung ausgezeichnet! Im Mai 1988 habe ich diese Lok in Braunschweig beim 1. Norddeutschen Spur-0-Treffen dabei gehabt und den Zuschauern vorgeführt. Extra zu diesem Zweck habe ich das Gehäuse nicht angeschraubt, sondern abnehmbar gelassen.

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Im Betrieb machte es mir viel Spaß, einfach ein paar Volt als Spannung am Gleis stehen zu lassen. Dann lief der Motor und machte Krach – es war halt kein Faulhaber-Motor – und das Kunststoffgehäuse verstärkte das Geräusch noch. Ich habe es noch mal aufgenommen, so hörte sich die Lok im Stillstand an:

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Das Motorgeräusch als mp3

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Wenn nun die Spannung erhöht wurde, rollte die Lok sanft an und wenn Wagen angehängt waren, konnte es vorkommen, dass sich nun erst die Kupplung spannte und die Lok wieder stehenblieb. Wenn ich nun die Spannung erhöhte, wurde die Lok erst lauter, da der Motor schneller drehte. Dann griff die Fliehkraftkupplung und die Lok rollte langsam immer schneller werdend los. Dabei war die Lok laut. Wenn die Beschleunigung ausreichte, wurde die Spannung gedrosselt und die Lok lief mit kontinuierlichem Motorgeräusch weiter. Irgendwann hatte ich es raus, beim Anhalten noch ein paar Volt am Gleis zu lassen, so dass das rasselnde Motorgeräusch im Stillstand nicht erstarb. Das Fahrverhalten der V20 wurde durch die Fliehkraftkupplung deutlich vorbildgerechter! Auch das Motorgeräusch passte sehr gut zum Fahrverhalten.

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Tja, genau dieses Fahrverhalten kann man leider heute mit der Digitaltechnik immer noch nicht nachbauen! Zwar kann man eine Beschleunigungs- und eine Bremskurve programmieren, aber die einzelne Lok beschleunigt dann genau so wie ein sehr schwerer Güterzug – das passt einfach nicht! Deswegen würde ich es sehr begrüßen, wenn man entweder per Funktionstaste zwischen verschiedenen vorprogrammierten Verhaltesweisen umschalten könnte oder die Lok bzw. der Decoder selber erkennen würde, ob eine Last angehängt ist und wie schwer diese ist… Vielleicht wird das ja mal so kommen – aber bis dahin? Hm, vielleicht bekommt die V20 doch noch mal einen Decoder und NEM-Kupplung!

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