Einfach Spitze – Spitzenverschluss an Weichen

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Vorweg bitte ich die Leser, erst einmal dieses Video anzusehen:

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Und als nächstes bitte dieses Video:

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Ich gehe davon aus, dass jedem aufgefallen ist, dass im ersten Video – gezeigt wird der Umstellvorgang einer Lenz-Weiche – beide Zungen gleichzeitig in Bewegung sind. Im zweiten Video, gezeigt wird eine Eigenbau-Weiche, bewegen sich die Zungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Während der Umstellvorgang der Lenz-Weiche (im ersten Video) modellbahntypisch ist, entspricht das zweite Video dem Vorbild – da bewegen sich die beiden Zungen auch unterschiedlich.

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Warum ist das so?

Wer sich die Mühe macht, eine Weiche beim großen Vorbild zu untersuchen (Vorsicht, auf fahrende Züge achten!), wird feststellen, dass zwischen dem Weichenantrieb und den Zungen eine merkwürdige Einrichtung verbaut ist. Diese Einrichtung wird Spitzenverschluss genannt und hat eine wichtige Aufgabe für die Sicherheit im Bahnbetrieb! Der Spitzenverschluss

  • verschließt die anliegende Zunge so mit der Backenschiene, dass sie sich nicht unter dem rollenden Rad wegbewegen kann und
  • sorgt dafür, dass die abliegende Zunge mit ausreichendem Abstand von der anderen Backenschiene gehalten wird.

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Beim Vorbild der Epoche III konnte der interessierte Eisenbahnfreund im wesentlichen drei verschiedene Bauformen des Spitzenverschlusses an Weichen finden:

  • Klammerspitzenverschluss
  • Hakenspitzenverschluss
  • Gelenk-Spitzenverschluss.
Erst in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts (späte Epoche IV, frühe Epoche V) entwickelte die DB neuere Bauformen des Spitzenverschlusses.
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Kommen wir zu den einzelnen Bauarten. Der Klammerspitzenverschluss wurde ab den 30er Jahren bei Neubauweichen eingesetzt. Zur Funktionsweise des Klammerspitzenverschlusses erst mal eine Skizze:
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Funktionsweise eines Klammerspitzenverschlusses

Funktionsweise eines Klammerspitzenverschlusses

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Im ersten Bild liegt die Weiche zur Fahrt nach rechts. Die linke Zunge liegt an der Backenschiene an, die zugehörige Verschlussklammer (mit dem schwalbenschwanzförmigen Ende) ist aus dem Verschlussstück herausgetreten und weggeklappt, somit ist die anliegende Zunge verriegelt. Im zweiten Bild ist der Umstellvorgang eingeleitet worden – die Schieberstange schiebt sich nach rechts, die Verschlussklammer tritt nun in den entsprechenden Ausschnitt der Schieberstange ein – es entsteht eine kraftschlüssige Verbindung, aber die linke Zunge bewegt sich noch nicht. Die rechte Zunge bewegt sich nun in Richtung Backenschiene. Im dritten Bild sind beide Zungen in Bewegung. Im vierten Bild legt sich rechte Zunge an die Backenschiene an, die Verschlussklammer tritt aus dem Verschlussstück heraus, die Bewegung der rechten Zunge hört auf und durch die weitere Bewegung der Schieberstange wird über die Verschlussklammer, welche sich nun wegklappt, verschlossen. Die nachstehende Grafik zeigt den Stellvorgang etwas genauer:
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Bauteile des Klammerspitzenverschlusses in Bewegung

Bauteile des Klammerspitzenverschlusses in Bewegung

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Der Stellweg der Schieberstange beträgt 220 mm. Dieser Spitzenverschluss ist auch noch heute im Einsatz und an fast jeder Weiche zu finden.
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Eine andere Bauart ist der Hakenspitzenverschluss. Diese Bauart war der „Standard“ bis in die 30er Jahre hinein. Zur Erklärung erst einmal eine Skizze:
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Umstellvorgang beim Hakenspitzenverschluss

Umstellvorgang beim Hakenspitzenverschluss

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Im ersten Bild ist die linke Zunge über den Haken mit einem Verschlussstück verschlossen. Im zweiten Bild beginnt der Umstellvorgang, die Antriebsstange ist beweglich mit den zwei Haken (hakenförmiges Metallteil) verbunden, die Haken wiederum sind beweglich mit den Zungen verbunden. Die Antriebsstange bewegt sich nun nach Rechts, der Haken der linken Zunge dreht sich um das Verschlussstück herum, die rechte Zunge bewegt sich schon. Im dritten Bild schmiegt sich die rechte Zunge an die Backenschiene an, die linke Zunge bewegt sich weiter und der Haken der rechten Zunge beginnt, sich um das Verschlussstück zu drehen. Im letzten Bild ist diese Drehbewegung beendet und die anliegende rechte Zunge wird durch den Haken mit der Backenschiene verschlossen. Hier mal eine Skizze der Bauteile – nun wird auch deutlich, warum von einem „Haken“ gesprochen wird:
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Bauteile des Hakenspitzenverschlusses

Bauteile des Hakenspitzenverschlusses

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Die dritte Bauart ist der Gelenkspitzenverschluss, der deutlich älter als der Kalmmerspiteznverschluss oder der Hakenverschluss. Während in den nördlichen Ländern des deutschen Reiches damals vor Einführung des Klammerspitzenverschlusses der Hakenspitzenverschluss als „Standard“ angesehen werden kann, war der Gelenkspitzenverschluss in Süddeutschland der Standard. Hier erst einmal eine Slizze:
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Funktionsweise des Gelenkspitzenverschlusses

Funktionsweise des Gelenkspitzenverschlusses

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Die Funktionsweise des Gelenksitzenverschlusses ist recht einfach: Im ersten Bild ist zu erkennen, dass die rechte Zunge an der Backenschiene anliegt. Eine Verbindungsstange führt von der Zunge zu einem rombusförmigen Bauteil, welche beweglich ist und mit der Stelleinrichtung verbunden ist. Dieses Bauteil ist auf einer Schwelle gelagert, dieses Lager ist massiv ausgebildet und bildet für die Stange von der Zunge zum Rombus ein Gegenlager – die Weichenzunge ist über die Verbindungsstange quasi hinter dem Lager so verkeilt, dass sie sich nicht bewegen kann (sogenannte „Kniestellung“). Im zweiten Bild ist der Umstellvorgang eingeleitet worden, der Rombus hat sich nach links gedreht und dabei die Verbindungsstange zur rechten Zunge aus der Kniestellung herausgezogen – der Verschluss der rechten Zunge ist aufgehoben. Die linke Zunge bewegt sich schon in Richtung linke Backenschiene. Im dritten Bild ist der Umstellvorgang fortgesetzt dargestellt. Die linke Zunge liegt bereits an der linken Backenschiene an, aber sie ist noch nicht über die Verbindungsstange gegen das Lager verkeilt. Das passiert erst im vierten Bild, die linke Zunge ist verschlossen und die rechte Zunge kommt im ausreichenden Abstand zur Backenschiene zum Stillstand. Hier nun erst noch ein Blick auf den Gelenk-Spitzenverschluss:
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Bauweise des Gelenkspitzenverschlusses

Bauweise des Gelenkspitzenverschlusses

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Dieser Spitzenverschluss wurde auch von der Firma Jüdel in Braunschweig hergestellt, allerdings in leicht abgewandelter Bauart:
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Hammerspitzenverschluss

Gelenkspitzenverschluss

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Die Funktionsweise ist mit dem Gelenk-Spitzenverschluss identisch. Der Gelenk-Spitzenverschluss selber war mit einem Abdeckblech versehen, welches den Weichen mit Gelenk-Spitzenverschluss ein markantes Aussehen beschert.
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Kommen wir zum Modell.
In Spur O wird derzeit keine Weiche mit funktionierendem Spitzenverschluss angeboten! Die Lenzweiche hat starr miteinander verbundene Zungen, genauso wie die Weichen der  anderen Hersteller.
Einzig die Firma Wenz bietet einen Bausatz, mit dem die sichtbaren Teile des Klammerspitzenverschlusses nachgebildet werden können:
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Bausatz Variations- und Gestängebauteile für Weichenverschlüsse

Bausatz Variations- und Gestängebauteile für Weichenverschlüsse (Bild: Wenz)

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Dieser Bausatz hat die Bestellnummer wm0328_1 und kostet 7,90 € – hier der direkte Link zum Bausatz:
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Wer unbedingt den ungleichen Lauf der Weichenzungen nachbilden möchte, hat zwei Möglichkeiten:
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Die Firma Wenz hat unter der Bestellnummer wm0299 einen Zurüstsatz im Sortiment, mit dem eine Kinematik unter der Weiche eingebaut werden kann, welche dafür sorgt, dass sich die beiden Zungen unterschiedlich bewegen.
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Funktionsweise Wenz-Kinematik

Funktionsweise Wenz-Kinematik (Skizze: Wenz)

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Die Bewegungsabläufe entsprechen von der Geometrie der Kinematik her am ehesten der Bewegung eines Gelenk-Spitzenverschlusses. Diese Kinematik wird unter der Anlagenplatte montiert und bedingt unter jeder Weichenzunge ein Loch unter die Grundplatte. Dieser Zurüstsatz kostet 9,40 €. Mehr Infos zum Zurüstsatz gibt es hier:
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Die zweite Möglichkeit zeigte das zweite Video am Anfang des Berichts. Gezeigt wird eine Weiche auf der Clubanlage des „Spur-0-MEC Niederrhein e.V.“ in Rheinberg, welche mit einem einfachen Rombus und ein bisschen Messingdraht aussieht, als wenn dort ein Gelenk-Spitzenverschluss verbaut wäre. Der Rombus funktioniert auch ohne Gegenlager, die anliegenden Zungen werden zuverlässig gegen die Backenschiene gepresst. Der Rombus ist etwas zu groß, was aber dem gegenüber dem Vorbild vergrößerten Stellweg geschuldet ist. Nicht im Bild sichtbar ist die Abdeckung des Verschlusses.
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Das Bild zeigt den selbstgebauten Gelenkspitzenverschluss in Rheinberg:
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Gelenk-Spitzenverschluss im Modell

Gelenk-Spitzenverschluss im Modell

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Dieses Video zeigt den Umstellvorgang noch einmal aus andere Perspektive:
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Zum Schluss noch der Hinweis, dass beim Vorbild alle Weichen, die von einem Stellwerk aus fernbedient werden, mit einem Spitzenverschluss ausgestattet sind – lediglich ortsgestellte Weichen (sogenannte „Handweichen“) kann es in Nebengleisen ohne Spitzenverschluss geben. Da bewegen sich die Zungen dann genauso wie bei den Modellweichen und das Handstellgewicht wird mit zwei roten Ecken markiert! Ein Beispiel für dieses Handstellgewicht kann hier im Schnellenkamp-Forum gesehen werden.
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Mehr zum Thema kann man hier finden:
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Comments
4 Responses to “Einfach Spitze – Spitzenverschluss an Weichen”
  1. Johannes Otterbach Spur 0 Team sagt:

    Hallo Stefan,

    wieder was gelernt.-Vielen dank für diesen Exkurs um dem Vorbild näher zu kommen.

    Gruß

    Johannes

  2. Timo Greisl sagt:

    Hallo Stefan,

    vielen Dank für das Lob. Der Verschluß entstand möglichst genau nach einer Vorbildzeichnung der Badischen Staatsbahn. Eigentlich fehlen nur die Rollen auf den Gelenken der Verbindungsstangen zu den Zungen, so daß die zwischen den beiden Rautenblechen liegende Kulisse nicht berührt wird, was der Funktion im Modell allerdings keinen Abbruch tut.
    Vor ein paar Monaten habe ich den Entschluß gefaßt, nun endgültig auf Spur 0 umzusteigen, und nun auch endlich meine verschiedenen Angefangenen bzw. fasr fertigen Projekte so nach und nach fertigzustellen. Dann wird auch diese Weiche ihre fehlenden Details bekommen. Ältere Oberbauformen und vor allem Länderbahnweichen haben es mir einfach angetan und machen sich auf einer Kleinbahn um 1960 herum einfach besser, als moderne Bauarten und schwere Profile.

    Viele Grüße
    Timo

  3. Timo Greisl sagt:

    Hallo,

    das ist ein sehr interessantes Thema, das mich auch schon seit Jahren beschäftigt. Vor Jahren lag in Hettingen bei der Hohenzollerischen Landesbahn noch ein letztes Exemplar einer preußischen Form5 190-1:9. Landesbahntypisch hatte diese den Gelenkspitzenverschluß und war darüber hinaus auch auf Federschienenzungen umgebaut.

    Davon habe ich vor etwa 10 Jahren ein Modell gebaut, mit eben jenem Verschluß:

    Ich weiß, die Kleineisen muß ich noch ergänzen und die rechte Stange ist auch nur provisorisch mit einem Stück Kunststoff isoliert, aber der eigentliche Verschluß ist immer wieder ein Genuß.

    Viele Grüße
    Timo Greisl

    • eksnap sagt:

      Hallo Timo,

      danke für Deinen freundlichen Beitrag! Wenn ich mir Dein verlinktes Bild näher betrachte, dann hast Du den Gelenk-Spitzenverschluss noch genauer nachgebaut als wir im Verein! Sieht gut aus – genauso wie die schöne Nachbildung der Länderbahnweiche!

      Gruß
      Stefan

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