Hemmschuhe – etwas zum Vorbild

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Bei der Eisenbahn im großen Maßstab, also bei der echten Eisenbahn, sind Hemmschuhe unentbehrliche Helfer im Rangierdienst, auch heute noch. In Ergänzung zum schon erschienenen Beitrag über Hemmschuhe im Modell hier nun ein paar Infos zum Vorbild!

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Der Hemmschuh

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Im Rangierdienst treten die größten Beanspruchungen des Ladeguts und der Wagen bei unsanften Auflaufstößen auf. Um zu verhindern, dass vom Ablaufberg herab rollende Wagen – diese werden bei der Bahn als „ablaufende Wagen“ bezeichnet – oder abgestoßene Wagen zu unsanft auf andere, stehende Wagen aufprallen, müssen diese kurz vor den stehenden Wagen gezielt abgebremst werden. Dazu dienen die Hemmschuhe, die von Hemmschuhlegern (Rangierer in Rangierbahnhöfen, der in den Talgleisen nur zum Anhalten der Wagen eingesetzt wird) oder normalen Rangieren (in allen anderen Situationen) in sicherem Abstand auf die Schiene aufgelegt werden.

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Hemmschuhlegerin bei der Arbeit

Hemmschuhlegerin bei der Arbeit

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Kommen wir erst mal zum Hemmschuh: Der Hemmschuh besteht aus mehreren Teilen:

  • Sohle: Basisbauteil, welches eine zugespitzte Zunge hat. Damit der Hemmschuh nicht vom Schienenkopf abrutscht, sind unter der Sohle zwei Führungsleisten angebracht
  • Bock: Auf der Sohle aufgeschraubt oder angenietet dient der Bock als Lager für den Griff und trägt eine Kappe
  • Kappe: bewegliches Schleifelement auf dem Bock, wogegen ein Rad läuft
  • Griff: Irgendwo muss der Hemmschuh auch angefasst werden. Der Griff verbindet die Sohle mit dem Bock.

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Der Hemmschuh besteht aus Stahl und hat ein Gewicht zwischen 7,5 und 8,5 kg (je nach Ausführung).

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Wie schon geschrieben, dient der Hemmschuh in erster Linie zum Anhalten von Wagen im Rangierdienst. Der Hemmschuh wird also auf der Schiene aufgelegt und wenn ein Wagen angerollt kommt, läuft dieser über die abgeflachte Zunge auf den Hemmschuh auf, stößt gegen die Kappe auf dem Bock und beginnt, den Hemmschuh vor sich her zu schieben. Durch die Reibung der Sohle auf der Schiene entsteht eine Bremswirkung. Eine weitere Bremswirkung entsteht durch das Rad auf dem Hemmschuh, welches nun zwar keinen Kontakt mehr mit der Schiene hat und sich auf der Sohle befindet. Aber dieses Rad ist durch die Radsatzwelle mit dem anderen Rad des Radsatzes verbunden, welches noch Kontakt zur Schiene hat. Also will sich das Rad auf dem Hemmschuh weiterdrehen und reibt somit auf der Sohle und gegen die Kappe, was auch mit einer Reibung verbunden ist. Dadurch wird über die Radsatzwelle das andere Rad ebenfalls gehemmt und somit abgebremst. Beide Bremswirkungen zusammen sorgen dafür, dass der gehemmte Wagen schnell, aber nicht zu ruckartig, zum Stehen kommt. Da es auf und unter der Sohle und an der Kappe zu starken Reibungen von Stahl auf Stahl kommt, müssen die Hemmschuhe vor dem Einsatz unter der Sohle und an der Kappe mit Fett geschmiert werden. Die Höhe der Bremskraft des Hemmschuhs ist letztlich von der Radsatzlast des zu hemmenden Radsatzes abhängig. Somit muss der Hemmschuhleger den Hemmschuh bei jedem Einsatz in anderen Entfernungen vor dem stehenden Wagen auflegen – hier ist die Erfahrung des Hemmschuhlegers gefragt.

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Wenn der Wagen zum Stehen gekommen ist, muss der Hemmschuh wieder vom Gleis genommen werden. Wenn das Gleis eben ist, reicht in der Regel die leichte Neigung des Hemmschuhs aus, damit der Wagen etwa 20 bis 30 cm zurück rollt und somit den Hemmschuh wieder frei gibt. Sollte das nicht der Fall sein muss der Hemmschuhleger entweder nur mit Körperkraft oder mit einer besonderen Art von Brechstange den Wagen ein paar Zentimeter zurückrollen lassen.

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Hemmschuhleger entfernt einen Hemmschuh

Hemmschuhleger entfernt einen Hemmschuh

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Nach der Nutzung des Hemmschuhs sollte dieser nicht wild zwischen den Gleisen abgelegt werden – es besteht einerseits Stolpergefahr für die Rangierer, andererseits muss ein Hemmschuh auch schnell für den nächsten Einsatz griffbereit sein.

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So nicht!

So nicht!

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So soll der Hemmschuh abgelegt werden

So soll der Hemmschuh abgelegt werden

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Für die Aufbewahrung der Hemmschuhe gibt es mehrere Möglichkeiten: Sogenannte Hemmschuhsteine werden an taktisch günstiger Stelle im Bahnhof ausgelegt – benutzte Hemmschuhe müssen zurück auf diese Hemmschuhsteine gelegt werden.

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Hemmschuhstein (vor der Lok) im Bahnhof Rheinkamp

Hemmschuhstein (vor der Lok) im Bahnhof Rheinkamp

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Die gelben Punkte zwischen den Gleisen sind taktisch gut verteilte Hemmschuhsteine (Bahnhof Rheinkamp)

Die gelben Punkte zwischen den Gleisen sind taktisch gut verteilte Hemmschuhsteine (Bahnhof Rheinkamp)

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Hemmschuhe sind bei der DB grundsätzlich Gelb bemalt gewesen. Wenn keine weitere Farbmarkierung angebracht war, war der gelbe Hemmschuh nur auf Schienen der Form 8/15 einsetzbar gewesen. Hemmschuhe für Schienen der Form 6 hatten zusätzlich zur gelben Bemalung einen roten Griff. Wenn der gelbe Hemmschuh einen blauen Griff hat, dann ist er für Schienen der Form S49 geeignet. Im Bahnhofsbuch des jeweiligen Bahnhofs ist für die Rangierer und Hemmschuhleger angegeben, in welchen Gleisen welche Hemmschuhbauform zu verwenden ist.

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Aber nicht nur zum Anhalten werden Hemmschuhe verwendet, auch zur Reduzierung der Geschwindigkeit von vom Ablaufberg ablaufenden Wagen werden Hemmschuhe verwendet. Kurz hinter dem Kulminationspunkt am Ablaufberg, also ab da, wo die Wagen von alleine laufen, steht dann der Bergmeister und schätzt die Ablaufgeschwindigkeit des Wagens ein. Wenn der Bergmeister der Meinung ist, dass dieser Wagen zu schnell werden könnte, legt er einen Hemmschuh auf und der Wagen wird direkt beim Ablaufen gehemmt. Natürlich darf der Hemmschuh nicht bis in die Weichenstraße auf dem Gleis bleiben, da sonst eine Entgleisung droht. Deswegen gibt es die „Hemmschuh-Auswurfbremse“, welche nach ihrem Hersteller auch als „Büssing-Bremse“ bezeichnet wird. Die Schiene, auf welcher der Hemmschuh aufgelegt wurde, wird nach außen geführt. Der Radsatz wird durch einen Radlenker an der gegenüberliegenden Schiene im Gleis gehalten und ähnlich wie beim Herzstück einer Weiche schließt sich eine neue Schiene an. Der Hemmschuh wird nach außen geführt und einer Fangeinrichtung aufgehalten. Der gehemmte Wagen kann nun normal weiter in die Talgleise rollen.

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Hier zwei Bilder der Hemmschuh-Auswurfbremse – die Funktionsweise kann man auf den Bildern gut erkennen:

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Hemmschuhauswurfbremse im Bahnhof Hamm Rbf

Hemmschuhauswurfbremse im Bahnhof Hamm Rbf

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Hemmschuhauswurfbremse im Bahnhof Hamm Rbf - andere Blickrichtung

Hemmschuhauswurfbremse im Bahnhof Hamm Rbf - andere Blickrichtung

Beide Bilder stammen von Paulus 11-10

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Im Moerser Güterbahnhof gab es auch eine Hemmschuh-Auswurfbremse. Die zugehörige Hemmschuhbank ist auf diesem Bild gut zu sehen:

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Rangierlok hinter Hemmschuhbank in Moers

Rangierlok hinter Hemmschuhbank in Moers

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Auch können Hemmschuhe als Schutz vor einem Prellbock genutzt werden. Zu diesem Zwecke werden zwei Hemmschuhe – auf jeder Schiene einer – in unterschiedlichem Abstand zum Prellbock ausgelegt. Somit verhindert man, dass ungewollt in Richtung Prellbock rollende Wagen zu schnell auf den Prellbock prallen. Diese Sicherungshemmschuhe habe ich bis dato nur in Nebengleisen gesehen.

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Letztlich werden Hemmschuhe auch noch genutzt, um stehende Wagen und Lokomotiven gegen Wegrollen zu sichern. Die Nutzung von Hemmschuhen zu diesem Zweck ist aber nicht zugelassen, um länger stehende Fahrzeuge zu sichern. Im Rangierdienst sind sie nur für kurze Zeit zugelassen – manchmal wird auch erlaubt, zu beladenden oder zu entladende Wagen mittels Hemmschuh gegen Bewegung zu sichern.

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Dieser Wagen wurde mit zwei Hemmschuhe gegen Wegrollen gesichert

Dieser Wagen wurde mit zwei Hemmschuhe gegen Wegrollen gesichert

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Doppelhemmschuh

In Werken, bei Privatbahnen und bei Straßenbahnen kamen zu diesem Zweck auch Doppelhemmschuhe zum Einsatz. Dabei handelt es sich um zwei Hemmschuhe, die mittels einer Stange miteinander verbunden sind. Meistens haben diese Doppel-Hemmschuhe nur eine Führungsleiste an der Sohle und konnten auch in Gleisen, die eingepflastert waren, eingesetzt werden. Diese Doppelhemmschuhe werden auch oft fälschlicherweise als Radvorleger bezeichnet. Diese Bezeichnung stammt wohl aus dem Straßenverkehr – bei der Eisenbahn ist ein Radvorleger was anderes (siehe unten).

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Bild von Frank Vincentz

Bild von Frank Vincentz

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Radvorleger

Der schon erwähnte Radvorleger wird meistens in dieser Ausführung zu finden sein:

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Radvorleger

Radvorleger

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Dabei handelt es sich um einen doppelseitig wirkenden Vorleger, der auf der Schiene verschraubt wird und je nach Bauart auch abgeschlossen werden kann. Mit Radvorlegern kann man Fahrzeuge langfristiger festsetzen. Radvorleger werden nicht zum Anhalten oder kurzfristigen Sichern von Fahrzeugen genutzt, sondern nur für langfristigere Festsetzungen.

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Soweit die Information zum großen Vorbild. 

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Comments
2 Responses to “Hemmschuhe – etwas zum Vorbild”
  1. Lieber Herr Panske,

    hoch interessant und sehr ausführlich!
    Vielen Dank!

    Helmut Eßlinger
    0Scale Hobbyshop

  2. Thomas sagt:

    Hallo Stefan,

    Danke für die ausführliche Erklärung und Beschreibung der Hemmschuhe.
    Sehr Interessant.

    Gruß
    Thomas

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