Anlagen, die es nicht mehr gibt (IV): Spur 0 im Brückenbogen

Spur-0-Anlagen kennt man eigentlich in verschiedenen Stadien: In der Planung, im Bau und schließlich statisch, also fertig. Bei manchen Anlagen ist die Zeit zwischen den einzelnen Stadien manchmal sehr lang, aber wenn die Anlage fertig ist, dann bleibt sie so. Weiter gibt es selten Spur-0-Anlagen, die die echte Eisenbahn in der Jetztzeit darstellen.

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Beides ist bei der Anlage, die ich Euch heute vorstelle, anders gewesen! Diese Anlage wurde eigentlich nie fertig, weil die Erbauer und Betreiber diese Anlage immer an die Begebenheiten der Eisenbahn im Maßstab 45:1 angepasst haben, sie wurde in Epoche IV gebaut und glitt einfach über die Epoche V in die Epoche IV!

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Doch wovon rede ich gerade? Es war Ende der 60er Jahre, als sich in Bochum  ein paar Freunde zusammentaten, um eine stationäre Spur-0-Anlage zu bauen. Zuerst wurde ein kleinerer Bahnhof gebaut und später, als der große Anlagenraum zur Verfügung stand, wurde dieser in die neue große Anlage integriert. Irgendwann in den 70ern bestand für die vier Freunde die Möglichkeit, ein leerstehendes Brückengewölbe unter der DB-Strecke Bochum Hbf – Bochum Riemke (später Bochum Nokia) zu mieten. Dieses Gewölbe war etwa 11 x 11 m groß und leider ungeheizt.

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In diesem Gewölbe wurde dann eine große Anlage gebaut, die ich erstmals 1990 besuchen konnte. Thema der Anlage war der Kopfbahnhof Oberstdorf samt Nebengleise, Bw und Abstellgleise. Ergänzt wurde diese Anlage durch einen Schattenbahnhof mit integrierter Kehrschleife und dem schon fertigen Nebenbahn-Bahnhof.

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Der Gleisplan

Der Gleisplan

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Der Betrieb gestaltete sich vielfältig. Aus dem Kopfbahnhof konnte nur in eine Richtung ausgefahren werden. Aber am folgenden Tunnelportal konnte gewählt werden, ob nur in einer Kehrschleife der Weg zurück eingeschlagen wurde oder ob eine eingleisige Ringstrecke befahren wurde. In der Kehrschleife waren zu zusätzliche Abstellgleise integriert. Die Ringstrecke führte erst durch den Nebenbahnhof und dann durch eine dreigleisige Abstellgruppe. Weiter ging es unter dem Kopfbahnhof, um dann parallel zur Abstellgruppe des Kopfbahnhofs aus dem Untergrund aufzutauchen. Dann ging es durch das Tunnelportal weiter, entweder zur Kehrschleife oder wieder in die Ringstrecke.

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Als ich diese Anlage das erste Mal besuchte, waren die vier Freunde mit der Steuerung und dem Betrieb der Anlage beschäftigt. Aufgrund der unterschiedlichen Interessen waren die Anlage und die Fahrzeuge in einem sehr vorbildlichen Zustand. Ein Gleisbildstellwerk steuerte Weichen und Lichtsignale, welche ein korrektes Signalbild zeigten. Die Lokomotiven fuhren analog, eine Trix-EMS-Steuerung wurde eingebaut, um den Rangierloks eine fernsteuerbaren Rangierkupplung zu geben. Die Fahrzeuge wurden mit Kadee-Kupplungen miteinander verbunden. Die in den Kopfbahnhof eingefahrenen Züge hielten auf einem magnetischen Entkuppler an, die Kupplung öffnete sich und die Zuglok zog zum Prellbock vor. Nun kam die Rangierlok, welche sich hinten an den Wagenpark setzte und selbigen in die Abstellgruppe zog. Dort kuppelte die Rangierlok mittels Fernsteuerung ab.

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Blick über die Abstellgruppe

Blick über die Abstellgruppe

Eine Rangierlok kommt mit Postwagen vom Postbahnhof

Eine Rangierlok kommt mit Postwagen vom Postbahnhof

Vorbildgerechte Weichenstraße

Vorbildgerechte Weichenstraße

Blick in den Kopfbahnhof Oberstdorf mit IC am Bahnsteig

Blick in den Kopfbahnhof Oberstdorf mit IC am Bahnsteig mit alten Empfangsgebäude

Das im Text erwähnte Tunnelportal mit selbstgebautem Silberling-Steuerwagen

Das im Text erwähnte Tunnelportal mit selbstgebautem Silberling-Steuerwagen

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Ein kleines Diesel-Bw gefiel mir besonders gut. Erst im zweiten Blick fiel mir auf, dass es auf dieser Anlage keine Dampfloks gab! Das war passend und stimmig, denn die Anlage „spielte“ in den 80er Jahren.

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Blick ins Bw in Epoche IV

Blick ins Bw in Epoche IV

Blick in den Lokschuppen

Blick in den Lokschuppen

Der Schienenbus unterfährt unweit des Tunnelportals die Strecke vom Kopfbahnhof

Der Schienenbus unterfährt unweit des Tunnelportals die Strecke vom Kopfbahnhof

Blick über den Nebenbahnbahnhof

Blick über den Nebenbahnbahnhof

Der Güterschuppen am Nebenbahnhof

Der Güterschuppen am Nebenbahnhof

Hinter dem Güterschuppen hat die Bahnmeisterei ihre Gleise

Hinter dem Güterschuppen hat die Bahnmeisterei ihre Gleise

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An Fahrzeugen kamen umgebaute Kunststoffmodelle, angepasste Kleinserienmodelle und Eigenbauten zum Einsatz. Eine besondere Herausforderung waren aber die Reisezugwagen: Im Modell gab es nur D-Zug-Wagen von Rivarossi, alles andere, was benötigt wurde, musste selbst gebaut werden. Also baute einer der vier Silberlinge, Packwagen, Speisewagen, Postwagen usw. selber! 1990 gab es dadurch einen InterCity in realistischer Zugbildung. Später kam dann ein InterRegio dazu, auch Doppelstock-Wagen rollten über die Gleise. Letztlich wurde der IC auf die aktuellen Farben umlackiert. Auch die Farben der Triebfahrzeuge wurden der Entwicklung angepasst, neue Loks und Triebwagen ergänzten den Fuhrpark, alte Loks wurden wie beim Vorbild ausgemustert und nicht mehr eingesetzt.

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Ein IC in Epoche V kommt aus dem Tunnelportal

Ein IC in Epoche V kommt aus dem Tunnelportal

Blick aus Richtung Stellwerk über die Abstellgruppe

Blick aus Richtung Stellwerk über die Abstellgruppe

Das Bw mit neueren Fahrzeugen

Das Bw mit neueren Fahrzeugen

Bw mit Atmosphäre!

Bw mit Atmosphäre!

Ein Wendezug kommt vom Kopfbahnhof in die Abstellgruppe gefahren

Ein Wendezug schiebt von der Abstellgruppe in den Kopfbahnhof

Feine Details in den Bahnanlagen

Feine Details in den Bahnanlagen

Ein Güterzug "taucht" auf der Ringstrecke fahrend neben der Abstellgruppe auf

Ein Güterzug "taucht" auf der Ringstrecke fahrend neben der Abstellgruppe auf

Das Spurplan-Modell-Stellwerk

Das Spurplan-Modell-Stellwerk

Eine Köf fährt zum Kopfbahnhof, um einen Wagenpark "abzuziehen"

Eine Köf fährt zum Kopfbahnhof, um einen Wagenpark "abzuziehen"

Der Postbahnhof

Schöne Details im Postbahnhof

Schöne Details im Postbahnhof

Der Güterschuppen, im Hintergrund der Kopfbahnhof

Der Güterschuppen, im Hintergrund der Kopfbahnhof

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 Aber nicht nur die Fahrzeuge wurden kontinuierlich angepasst, auch die Anlage selbst wurde umgebaut. Ursprünglich war bspw. das Empfangsgebäude nach dem Zweckbau des Bahnhofs Oberstdorf gebaut worden. Irgendwann in den späten 90er wurde es dann durch ein anderes Gebäude mit einer Halle über dem Querbahnsteig ersetzt.

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Blick über den Kopfbahnhof mit neuem Empfangsgebäude

Blick über den Kopfbahnhof mit neuem Empfangsgebäude

Die kurze Bahnsteighalle

Die kurze Bahnsteighalle

Ein moderner Triebwagen im Kopfbahnhof

Ein moderner Triebwagen im Kopfbahnhof

Auch ein Betrieb im Dunkeln ist Dank Beleuchtung möglich gewesen

Auch ein Betrieb im Dunkeln ist Dank Beleuchtung möglich gewesen

Vorbildgerecht wirkende Bahnsteiganlage

Vorbildgerecht wirkende Bahnsteiganlage


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Leider reduzierte sich die Zahl der Betreiber im Laufe der Jahre. Als dann der Vertragnehmer verstarb und es Schwierigkeiten gab, den Mietvertrag durch die Verbliebenen weiter zu führen, war das Ende der Anlage gekommen. Sie musste demontiert werden. Dafür wurde sie verkauft, zerlegt und abtransportiert. Mir ist nicht bekannt, ob diese wirklich schöne Anlage jemals wieder aufgebaut wurde. Schade!

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Einfahrsignal des Nebenbahnbahnhofs

Einfahrsignal des Nebenbahnbahnhofs

Güterzug fährt in den Nebenbahnbahnhof ein

Güterzug fährt in den Nebenbahnbahnhof ein

Stellwerk des Nebenbahnbahnhofs

Stellwerk des Nebenbahnbahnhofs

Nebenbahnhof in Epoche V

Nebenbahnhof in Epoche V

Das Empfangsgebäude des kleinen Bahnhofs

Das Empfangsgebäude des kleinen Bahnhofs

Hier verschwindet die Ringstrecke wieder unter der oberen Strecke, um zum dreigleisigen Schattenbahnhof zu führen

Hier verschwindet die Ringstrecke wieder unter der oberen Strecke, um zum dreigleisigen Schattenbahnhof zu führen

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Danke an Andreas Kabelitz für die schönen Aufnahmen der Anlage im Epoche V- bzw. IV-Look!

Comments
2 Responses to “Anlagen, die es nicht mehr gibt (IV): Spur 0 im Brückenbogen”
  1. Eckard sagt:

    Hallo Stefan,

    ich stolperte soeben über den Anlagenbericht in der MIBA 12/82 und bin dir ebenfalls dankbar, dass du die Erinnerung an diese wunderschöne Anlage im Internet wach hältst.

    Guß
    Eckard

  2. Jürgen Kröner sagt:

    Danke Stefan,

    für deine Erinnerungen an längst vergangene Anlagen. Ich hatte das Glück, alle Anlagen live zu sehen und die Faszination „0“ zu erleben.
    Schade um die Anlagen, aber die Spur 0 lebt, es gibt ja auch sehenswerte Nachfolger.

    Gruß

    Jürgen

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