Drehgestelle für Reisezugwagen – ein kurzer Überblick

Vor kurzem fragte ein Modellbau-Freund nach Skizzen von Reisezugwagen-Drehgestellen, um einen Überblick über die verschiedenen Bauarten zu bekommen. Nun gut, dann wird es mal Zeit, die Unterlagen zu sichten und die gebäuchlichsten Drehgestell-Bauarten für Reisezugwagen der ehemaligen Deutschen Bundesbahn zusammenzustellen.

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Das wohl älteste Drehgestell der DB, zumindest in meiner Auflistung, ist das sogenannte preußische Regeldrehgestell.

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Mit einem Achsstand fand es sowohl unter Länderbahn-Abteilwagen (die mit den vielen Türen) und unter Schnellzugwagen Verwendung. Bei der Deutschen Bundesbahn wurde es unter den vierachsigen Umbauwagen verwendet und war somit bis Ende der 80er Jahre im Einsatz.

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Ein weiteres, altes, Drehgestell ist das Schwanenhals-Drehgestell:

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Dieses Drehgestell ist durch seinen kurzen Achsstand (2150 mm) und seinen markanten Verbindungsbalken zwischen den Radlagern, der aufgrund seiner markanten Form dem Drehgestell seinen Namen gab. Dieses Drehgestell wurde schon von der preußischen Staatsbahn für vierachsige Abteilwagen (mit den vielen Außentüren!) und für die sogenannten „Hechte“ – das waren Schnellzug-Abteilwagen mit schräg zulaufenden Wagenenden, welche für den Spitznamen verantwortlich waren. Nach dem zweiten Weltkrieg waren Drehgestelle dieser Bauart unter den alten preußischen Wagen zu finden. Da viele vierachsige Abteilwagen im Rahmen des Umbauwagen-Programm zu vierachsigen Umbauwagen umgebaut wurden, wurden eben diese Drehgestelle auch unter den Umbauwagen verwendet. Auch unter den vierachsigen Behelfspackwagen MDi bzw. MDy fanden diese Drehgestelle Verwendung. In der Literatur werden diese Drehgestelle auch als „Drehgestelle amerikanischer Bauart“ bezeichnet.

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Die 1920 neu gegründete Deutsche Reichsbahn schrieb Anfang der 20er Jahre neue Drehgestellbauarten aus und entschied in einem Auswahlverfahren für eine Drehgestellfamilie mit der Bezeichnung Bauart Görlitz I bis III. Während die Bauart I nur Prototypstatus hatte, wurde die Bauart II unter den berühmten Rheingold-Wagen und parallel entstandene Schnellzugwagenbauarten verwendet. Diese Drehgestelle waren bereits komplett mit Rollenlagern ausgerüstet. Die nächstgebaute Bauart III wurde viel häufiger in mehreren Varianten gebaut. Es gab eine schwere Bauart mit 3600 mm Achsstand und eine leichte Variante mit 3000 mm Achsstand. Während die schwere Variante unter den frühen schweren Schnellzugwagen der DRG zu finden waren, wurden die leichten Drehgestelle, welche als noch komfortabler angesehen wurden, unter Eilzugwagen, unter MITROPA-Speise- und Schlafwagen und unter den zeitgenössigen Schnellzugwagen verwendet. Mit der Bauart III wurde der Übergang von der Niettechnik zur Schweißtechnik vollzogen. Die Bauart IV kam 1934 auf die Schiene und wurde sowohl als Lauf- als auch als Motordrehgestell, bspw. unter dem „Fliegenden Hamburger“ verwendet – für Reisezugwagen erlangte es keine größere Bedeutung.

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Goerlitz III schwer

Görlitz III schwer

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Görlitz III leicht mit dreifacher Federung

Görlitz III leicht mit dreifacher Federung

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Görlitz III leicht mit vierfacher Federung

Görlitz III leicht mit vierfacher Federung

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Das waren die wichtigsten Drehgestellbauarten aus der Vorkriegszeit, die bei der DB noch Verwendung fanden. Für die Neubaufahrzeuge ab Anfang der  50er Jahre entwickelten die Waggonhersteller neue Drehgestelle. Die neue Drehgestell-Familie trug den Namen „Minden-Deutz“, zur feineren Unterscheidung eignen sich zweistellige Zahlen. Die Bezeichnung wurde durch die Worte „schwer“ und später „leicht“ ergänzt. Das Minden-Deutz-Drehgestell (MD) wurde zuerst für die sogenannten Mitteleinstiegswagen und das erste UIC-Abteilwagenprogramm gebaut. Der Achsstand beträgt 2500 mm, das Drehgestell war komplett geschweißt und war für 16 t Achsfahrmasse ausgelegt. Die Radsätze wurden verschleißfrei am Rahmen mittels sogenannter Lenker geführt. Die  Wiege des Drehgestells stütze sich auf jeder Seite auf zwei Sprialfedern mit hydraulischen Schlingerdämpfern. Diese Bauart mit Klotzbremsen ist für Geschwindigkeiten bis 140 km/h geeignet. 1964 wurde die Bauart MD 36 entwickelt, die sich dadurch auszeichnete, dass nun Scheibenbremsen zum Einsatz kamen. Damit war eine Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h möglich.

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Minden-Deutz 36 (schwer) mit Scheibenbremsen

Minden-Deutz 36 (schwer) mit Scheibenbremsen

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Minden-Deutz 36 (schwer) mit Scheibenbremsen

Minden-Deutz 36 (schwer) mit Scheibenbremsen

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Um schneller als 160 km/h fahren zu können, wurden MD 36 mit Scheibenbremse zusätzlich mit Magnetschienenbremse ausgerüstet:

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Minden-Deutz 36 (schwer) mit Scheibenbremsen und Magnetschienenbremse

Minden-Deutz 36 (schwer) mit Scheibenbremsen und Magnetschienenbremse

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Als Austauschdrehgestell für die Umbauwagen und für die neuen Nahverkehrswagen („Silberlinge“) wurde aus dem MD schwer eine leichtere Variante abgeleitet: MD 41 (leicht). Der Rahmen dieses Drehgestells ist etwas leichter ausgeführt und Schraubenfedern an der Wiege wurden durch Gummipuffer ersetzt. Aufgrund der Gummipuffer ist nun auch kein Dämpfer mehr erforderlich und die untere Einfassung der Schraubenfedern konnte entfallen – das Drehgestell wirkt dadurch etwas filigraner. Auch die Schraubenfedern an den Radlagern wurden durch Gummipuffer ersetzt, so dass ein weiteres Unterscheidungsmerkmal gegeben ist.

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Minden-Deutz 44 (leicht) mit Scheibenbremsen und Magnetschienenbremse

Minden-Deutz 44 (leicht) mit Scheibenbremsen und Magnetschienenbremse

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Leider habe ich nur eine Skizze eines MD 44 mit Magnetschienenbremse, wie sie meines Wissens nur unter den Autotransportwagen DDm 915 für Autoreisezüge zum Einsatz kamen. Unter Reisezugwagen war das MD leicht nur mit Klotzbremsen (MD 41 leicht) oder mit Scheibenbremsen (MD 43 leicht) im Einsatz.

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Im Rahmen der Standardisierung in der Beschaffung von Reisezugwagen auf europäischer Basis (EUROFIMA-Wagen, in Österreich, Schweiz und Italien orange mit weißem Streifen lackiert, bei der DB in IC-Farben) wurde ein FIAT-Drehgestell genormt und von allen beteiligten Bahnen beschafft. Dieses FIAT-Drehgestell ist heute bei der DB oft unter IC-Wagen im Einsatz:

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FIAT-Drehgestell Bauart Y 0270 S

FIAT-Drehgestell Bauart Y 0270 S

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FIAT-Drehgestell Bauart Y 0270 S

FIAT-Drehgestell Bauart Y 0270 S

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Ende der 70er Jahre wurde von den Waggonbauern mit der DB ein Nachfolge-Drehgestell mit der Bezeichnung MD 52 (hier wird nicht mehr von Minden-Deutz gesprochen, sondern nur das Kürzel MD verwendet) entwickelt. Um mehr Platz unter dem Wagenboden zu erhalten, wurde die Bauart der bisherigen MD-Drehgestelle dahingehend verändert, dass auf die Kopfträger verzichtet werden konnte. Diese Drehgestelle wurden mittlerweile in mehreren Unterbauarten weiterentwickelt, eine davon ist unter dem ICE I im Einsatz:

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Drehgestell der Bauart MD 52

Drehgestell der Bauart MD 52

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Drehgestell der Bauart MD 52

Drehgestell der Bauart MD 52

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Soweit der kurze Überblick über das Vorbild – kommen wir zur Spur O:

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Die Firma Rivarossi hat unter ihren D-Zug-Wagen Drehgestelle der Bauart Minden-Deutz 32 schwer mit Klotzbremse gebaut. Die Modellausführung ist stimmig, das Drehgestell kann durchaus auch unter anderen D-Zugwagen verwendet werden, solange diese beim Vorbild keine Scheiben- oder Magnetschienenbremse haben.

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Das Pendant der Firma Lima hingegen hat ein Güterwagendrehgestell, so dass dieses Drehgestell für Reisezugwagen eigentlich nicht verwendbar ist.

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Damit ist das Potenzial der Hersteller von Kunststoffwagen samt Drehgestelle bereits erschöpft! Im Bereich der Messing-Modelle und damit im Bereich des Maßstabs 1:43,5 gab es MD schwer und leicht sowie Fiat-Drehgestelle unter den entsprechenden Wagen. Da diese Wagen aber nicht „geplündert“ werden und einzelne Drehgestelle nicht erhältlich sind, gehe ich auf diese Modelle und deren Hersteller nicht weiter ein.

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Erwähnt werden sollte aber noch die Firma Klaus Krapp in Dortmund – leider hat die Firma Krapp keine Internet-Präsenz, so dass hier auf die gängigen Ausstellungen oder den Postweg verwiesen wird (Klaus Krapp, Erdelhofstraße 23a, 44357 Dortmund). Klaus Krapp hat sehr viele Vorkriegs-Drehgestelle in Messing im Sortiment, so dass hier einiges möglich wird.

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Internet: Leider ist mir derzeit keine Homepage über Reisezugwagendrehgestelle bekannt!

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Bücher: Zum Thema Drehgestelle gibt es ein Buch, erschienen im Eisenbahn-Kurier-Verlag, Freiburg, mit dem Titel „Drehgestelle – Boogies“ von Karl Gerhard Baur. Schwerpunkt dieses Buches sind allerdings die Entwicklung im Lokomotiv- und Triebwagenbereich, die Reisezugwagen werden nur gestriffen.

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Comments
10 Responses to “Drehgestelle für Reisezugwagen – ein kurzer Überblick”
  1. Sandra Marion Reiffenberg sagt:

    Sehr geehrter Herr Panske!

    Vielen lieben Dank für ihre ausführliche Erklärungen und die Bilder.

    Es dankt eine 3D Designerin von ganzem Herzen.

  2. Hans-Peter oder auch 0-Peter sagt:

    Die Firma Klaus Krapp in Dortmund – hat eine Internet-Präsenz,

    http://www.krapp-spur0modelle.de/1,000000861883,8,1

  3. juergen sagt:

    eine wunderebare fundgrube. klasse. danke

  4. Sehr geehrter Herr Panske!

    Vielen Dank für Ihre Mühe, nicht nur hier, sondern auch an vielen anderen Stellen (z.B. aktuelle Recherche im ARGE-Forum). Immer akkurat und sehr informativ !
    Konnte eben die Zeichnung des alten preuss. Drehgestells ausdrucken und werde es für eine Anfrage an Herrn Krapp verwenden … Fantastische Möglichkeiten!

    Mit freundlichen Grüßen
    Peter Wilhelm (Süd)

  5. super, dass sie diese zeichnungen veröffentlichen. viele grüsse

  6. Sehr geehrter Herr Panske,

    sehr schöne Aufstellung, sehr hilfreich für Fahrzeugbauer. Eine kleine Frage hätte ich aber noch: Was für eine Bauart ist den unter den Langenschwalbachern?

    Viele freundliche Grüße
    Helmut Eßlinger

    • eksnap sagt:

      Hallo Herr Eßlinger,

      die Langenschwalbacher hatten Drehgestelle, von denen ich keine Zeichnung oder Skizze habe. Deren Drehgestelle mit einem Achsstand von 2000 mm sind durch eine umgekehrt liegende Blattfeder, die auf den beiden Radlagern aufliegt, gekennzeichnet. Diese Feder diente auch gleichzeitig als Ausgleichshebel. Bilder dieses Drehgestells sind in dem oben angeführten Buch zu finden.

      Mit freundlichem Gruß
      Stefan Panske

  7. Franky Free sagt:

    Hallo Stefan,

    wie immer ein sehr guter und profunder Bericht.
    Sehr gut zu gebrauchen für etwaige Selbstbauten/Umbauten.
    Vor allem die Draufsichten machen es plausibel und leichter nachvollziehbar…

    …schöne Webseite,
    grüsse Georg

  8. Hallo Stefan ….
    klasse Arbeit . Werde gerne darauf hinweisen wenn ich meine Baubeschreibung meiner neuen MD Drehgestelle mache .
    mfG
    Jürgen(S)

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