Köf II im Selbstbau – eine Geschichte

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An anderer Stelle erwähnte ich meine erste selbstgebaute Lok. Als ich nach der Erwähnung drüber nachdachte, dass ich diese vor mittlerweile 28 Jahren gebaut habe, da merkte ich, dass seitdem viel Zeit vergangen ist. Hier ist nun die Geschichte meiner ersten selbstgebauten Lok, aber ich bitte um Nachsicht, denn eine Topp-Qualität habe ich mit dieser Lok nicht erreicht.
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Damals, im Jahr 1983, war ich gerade in meinem zweiten Spur-O-Jahr. Meine Clubkollegen zauberten teilweise im Zweimonatsabstand neue Lokomotiven, selbstverständlich aus Messing, hervor und machten mich schon neidisch. Im August 1983 ging dann meine Ausbildung zu Ende und nach einer dreiwöchigen Einweisung durfte ich meine ersten Schichten als Weichenwärter auf einem Stellwerk machen. Ich sollte direkt mit Nachtschicht anfangen und damit begann das Problem: Wie sollte ich mich die ganze Nacht wach halten? Fernsehen durfte ich nicht, ich besaß auch keinen eigenen Fernsehapparat. Radio hören war nicht erlaubt, also wollte ich mich auch nicht erwischen lassen und Schlafen kam überhaupt nicht in Frage. Lesen war nicht gerne gesehen, also kam ich auf die Idee, etwas zu basteln.

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In den letzten Monaten hatte ich Zeichnungen meiner Lieblingslok, der Köf II, gesammelt. Im einzelnen hatte ich die sehr gute Zeichnung von Herrn Hettler, eine Übersichtszeichnung mit Fehlern aus dem Eisenbahn-Magazin und eine Einzelteilzeichnung, die in moderne eisenbahn (Vorgängertitel des Eisenbahn-Magazins) im Jahr 1972 erschienen war. Diese Einzelteilzeichnung war aber sehr vereinfacht, zeigte aber einen Weg zum Selbstbau auf.
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Also nahm ich meinen Bastelkoffer, diese Zeichnungen und zwei Zuglaufschilder mit auf „mein“ Stellwerk. Zuglaufschilder? Na ja, ich habe damals mal im Aw Witten, dem Werk der DB, welches Zuglaufschilder bedruckte, eine ganze Kofferraumladung an Fehldrucken und nicht mehr benötigten Zuglaufschildern mitnehmen können. Darunter auch „wertvolle“ Schilder wie vom TEE Rheingold. Aber diese Zuglaufschilder wurden damals einfach abgewaschen und waren dankbares Bastelmaterial!
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Als es dann um 22.30 h etwas ruhiger auf meinem Stellwerk wurde, begann ich mit der Bastelei.
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Dazu wurden Kopien der Zeichnungen – ich glaube, es waren Kopien der Hettler-Zeichnung – zerschnitten. So schnitt ich bspw. eine Rahmenwange aus. Dieses ausgeschnittene Stück Papier klebte ich mit einem Pritt-Stift auf das Zuglaufschild und sägte diese Rahmenwange einfach mit der Laubsäge aus. Die Kanten wurden mit einer Feile glatt gemacht und dann kamen die Ausschnitte „dran“.
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So ging es Teil für Teil weiter, bis um 0.30 h auf einmal eine unerwartete Stimme „Guten Morgen“ rief. Ich drehte mich erschrocken um und hinter mir stand der dritte Vertreter des Dienststellenleiters. Ich wusste damals noch nicht, dass neue Mitarbeiter bzw. frisch eingewiesene Stellwerker besonders überwacht und somit auch auf deren Schicht besucht wurden, um sich ein Bild von der Handlungssicherheit zu machen. Nun bin ich schon auf meiner ersten Schicht „erwischt“ worden, ich wäre am liebsten im Boden versunken.
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Als der Chef dann die „Bescherung“ am Schreibtisch sah, wollte er genau wissen, was ich da machte. Ich erklärte es ihm und er war mir nicht böse. Im Gegenteil, als er mich nach etwa 30 Minuten wieder alleine ließ, wünschte er mir viel Spaß beim Basteln! Das wertete ich dann als Erlaubnis und machte voller Elan weiter.
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Insgesamt dauerte es acht Nachtschichten, bis ich alle Teile ausgesägt hatte und das Gehäuse der Lok zusammenkleben konnte. Zusätzlich zu den Zuglaufschildern verwendete ich Messingdraht für die Handgriffe, gekaufte Federpuffer und Originalkupplungen, Bremsschläuche von RaiMo, Räder des langen RaiMo-Güterwagens und Lego-Steine. Lego-Steine? Ja, für die Batteriekästen nahm ich kleine flache Lego-Steine, die aufeinander klebte und mit einem Lego-Stein ohne Noppen abdeckte. Die Kanten wurden etwas abgeschliffen und dann waren zwei Batteriekästen fertig. Die Lampen entstanden aus einem Aluminium-Rohr-Profil – ich schnitt einfach sechs Scheiben ab und klebte sie an Lampenhalter aus Zuglauschildmaterial. Zwei Niete wurden an einem Ende platt gedrückt und bildeten die Schalltrichter des Horns auf dem Dach der Lok.
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Leider hatte ich damals noch keine Idee, wie ein Antrieb aussehen könnte. Deswegen wurde die Lok rollfähig hergerichtet. Die Lackierung erfolgte in Schwarz (aus den RaiMo-Bausätzen) und RAL 3004 (ein kleines Revell-Farbtöpfchen) mit dem Pinsel. Wer auf den Bildern genau hinsieht, sieht, dass eine Pinsellackierung, wie ich sie damals aufgebracht habe, dem Modell nicht gut tat.
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Um bei den Profis des Modellbaus bestehen zu können, habe ich mir dann überlegt, dass ich die Lok am besten als Privatbahn-Lok beschrifte. Direkt vor meiner Tür gab es die NIAG, die auch eine Köf II als NIAG 7 im Einsatz hatte. Also wurde mittels LETRASET einfach NIAG 7 auf jede Seite „gerubbelt“ und ich war zufrieden.
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Als rollfähige Lok nahm ich die NIAG 7 auch mit zu verschiedenen Messen. Dort wurde die Lok einfach vor eine abgebügelte E-Lok (mit Antrieb!) gekuppelt und das Gespann konnte fahren. Die Zuschauer glaubten teilweise wirklich, dass die Köf die E-Lok schleppen würde – schließlich waren die Gleise auch nicht überspannt!
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Etwa zwei Jahre später war ich modellbauerisch schon weiter und wollte unbedingt einen Antrieb in der Lok haben. Also überlegte ich mir, wie ich den Faulhaber 2020, unser damaliger „Standard-Motor“ in die Lok hineinbringen könnte. Zwei amerikansche Achsgetriebe, bei Old Pullman erstanden wurden durch eine Welle längs zur Fahrzeugachse miteinander verbunden. Der Motor wurde parallel dazu darüber angeordnet und wirkte mittels zweier Zahnräder auf die Welle. Dazu ein Hilfsrahmen geschnitten und geklebt, mit der Kleinbohrmaschine einen passenden Ausschnitt in die Grundplatte gebohrt und geschnitten und der Antrieb konnte eingebaut werden. Zusätzlich erhielt die Lok zwei Luftkessel auf dem Vorbau und meine Köf war fahrbereit.
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So kam sie dann auch drei Jahre lang auf verschiedenen Publikumsmessen und Ausstellungen sowie im Clubheim zum Einsatz.
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Doch dann kam die Modellbau 88. Ich saß in der Kabine des Ausstellungsstandes, ein Clubkollege machte Fahrbetrieb auf der Ausstellungsanlage. Auf einmal hörte ich drei Geräusche in dieser Reihenfolge: Polter – Polter – Klirr. Was war passiert? Meine Köf schob zwei Messingwagen über die Anlage, als der erste Wagen entgleiste. Der Clubkollege bemerkte es nicht und ließ die Lok weiter fahren. An der Anlagenkante stürzte der Wagen runter und riss den anderen Wagen und die leichte Köf mit sich. Die Messingwagen polterten zu Boden und meine Köf zerschellte auf ebendiesem. Das war das Ende meiner ersten selbstgebauten Lok.
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Mir blieben die Trümmer und die Erinnerungen. Der Motor wurde zwischenzeitlich, da unbeschädigt, in ein anderes Modell eingebaut. Aber durch den Absturz ist es heute möglich, einen Blick auf den nachträglich eingebauten Antrieb zu richten:
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So, das war die kleine Geschichte meiner ersten selbstgebauten Lok… Ich bitte die schlechte Bildqualität zu entschuldigen (Dias in den 80ern, durch Abfotografieren digitalisiert) und hoffe, die Geschichte findet bei Euch gefallen….
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Übrigens: Das „Erwischen“ durch den Chef hatte keine nachteiligen Folgen. Als ich Jahre später, nach Studium und Aufstieg, dann auf einmal ihn (!) als neuen Mitarbeiter in meinem damaligen Team begrüßen konnte, war das gemeinsame Gelächter bei Erinnerung an diese Geschichte groß…

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Comments
3 Responses to “Köf II im Selbstbau – eine Geschichte”
  1. Johannes Otterbach sagt:

    Schöne Geschichte Stefan ‚
    Das Ende ist etwas schade, aber alles sehr lehrreich, was man damals machen konnte.
    Da haben wir’s heute schon besser, mit fertigen Fahrwerken, digitalsteuerung USW.

    Gruß

    Johanne

  2. mobatom sagt:

    Super netter Artikel…🙂

    Thomas

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