Die „Fahrkarten“ der Güterwagen: Frachtbrief und Hauptzettel

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Jeder, der mit der Bahn fährt, weiß, dass er eine Fahrkarte benötigt. Doch wie ist es mit den Güterwagen?

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Güterwagen wurden vom Absender mit einem Frachtbrief bei der Versand-Güterabfertigung aufgegeben. Der Frachtbrief war im Binnenverkehr ein vierteiliger  durchschreibender Vordruck gewesen, dessen vier Blätter unterschiedlich bezeichnet wurden und dessen vier Blätter auch unterschiedliche Aufgaben hatte:

  • Versandblatt
  • Frachtbriefdoppel
  • Empfangsblatt
  • Frachtbrief

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Das Versandblatt diente als Abrechnungsgrundlage beim Versandbahnhof und verblieb auch dort.

Das Frachtbriefdoppel wurde dem Absender nach der Versandabrechnung übergeben und war somit die Auflieferungsbescheinigung.

Das Empfangsblatt war die Abrechnungsgrundlage beim Empfangsbahnhof.

Der vierte Teil des Vordrucks, der eigentliche Frachtbrief, war während der Beförderung des Wagens das handelsrechtlich geforderte Beförderungsdokument und wurde nach der Abrechnung und Stellung des Güterwagens zur Entladung dem Empfänger nach Begleichung evtl. noch offener Beförderungskosten übergeben.

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Während der Zugfahrt befanden sich das Empfangsblatt und der vierte Teil des Vordrucks, der Frachtbrief, bei den Beförderungsunterlagen, die der Zugführer bei sich führte bzw. während der Fahrt im Güterzugbegleitwagen behandelte. Bei Zügen,  die ohne Güterzugbegleitwagen unterwegs waren, waren diese Unterlagen auf dem Führerstand zu finden. Wenn ein Wagen aus dem Zug ausrangiert wurde, dann wurden die Papiere dem örtlichen Personal übergeben bzw. bei neu eingestellten Wagen vom örtlichen Personal übernommen.

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Aber da sich diese Unterlagen nicht am Güterwagen befanden, waren diese Papiere für das Rangierpersonal nicht erreichbar. Um nun aber zu wissen, was mit dem betreffenden Wagen im Rangierbahnhof oder am Zielbahnhof gemacht werden sollte,  wurde jedem Güterwagen ein sogenannter Hauptzettel beigegeben. Dieser Hauptzettel wurde auf der Versandgüterabfertigung ausgefüllt und dort im Zettelhalter eingelegt, einer auf jeder Wagenlängsseite.

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Dieser im Zettelhalter eingelegte Hauptzettel enthielt neben dem Absender, dem Empfänger, dem Versandbahnhof, dem Empfangsbahnhof, dem Versanddatum, das Eigengewicht des Wagens, dem Gewicht der Ladung auch das Gesamtgewicht des Wagens. Weiter wurde in der Regel seit Einführung des Richtunktverfahrens die Kennzahl des Zielbahnhofs gut sichtbar eingetragen.

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Am 1. Juli 1954 wurde das Richtpunktverfahren eingeführt. Es galt für DB, DR und die Eisenbahnen des Saarlandes und betraf Frachtgutwagenladungen, geschlossene Frachtstückgutwagen (wenn sie nicht Sonderplanwagen waren) sowie leere Wagen im Einzellauf. Der erste Umstellbahnhof wurde namentlich angegeben (bspw. Offenburg), der letzte Umstellbahnhof verschlüsselt als Richteinheit (Esn 28 = Osterfeld Süd). Die in mindestens 3 cm großen Buchstaben angeschriebene Richteinheit war sehr leicht abzulesen, musste aber beim Rangieren des Wagens durch das Rangierpersonal entschlüsselt werden. Das wäre anhand der vollständigen Schlüsseltabelle, wie sie am Ende jeder Güterzugbildungsvorschrift stand, möglich gewesen. Beim Rangieren z. B. in Offenburg interessierte aber gar nicht, wie der weitere Leitungsweg aussieht, wichtig war nur der nächste Umstellbahnhof – ist es Mannheim, Basel, Kehl, Karlsruhe? Man brauchte nur eine Zuordnung Richteinheit -> nächster Umstellbahnhof. Das Hilfsmittel dazu ist die Rangiertafel. Aber nun gehen wir zu sehr ins Detail.

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Doch kommen wir nun mal zum „Objekt des Interesses“, dem Hauptzettel.

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In Epoche III waren die Hauptzettel im Format DIN A 5 h ausgeführt. Sie waren also 21 cm hoch und 14,85 cm breit. In Epoche IV wandelte sich das Format in DIN A 5 q, also ins Querformat.

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Bleiben wir in der Epoche III. Im folgenden zeige ich ein paar Beispiele für die am häufigsten genutzten Hauptzettel:

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Normale Wagenladungen wurden mit diesem randlosen Hauptzettel bezettelt:

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Dienstgut-Wagenladungen wurden mit diesem Hauptzettel versehen:

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Und wenn das Dampflok-Bw Kohlen brauchte, wurde der Wagen für die Dienstkohle mit diesem Hauptzettel versehen:

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Da in der Spur O genug gedeckte Wagen existieren, die auch zur Viehbeförderung genutzt werden können, und bald auch Viehtransportwagen erhältlich sind, möchte ich als letzten Hauptzettel den Hauptzettel für zu entseuchende Wagen (mit Vieh beladene Wagen, die nach der Entladung zur Entseuchung mussten) zeigen:

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Anmerkung: Unter Entseuchung war die gründliche Reinigung und Desinfizierung eines Güterwagens nach einem Lebend-Tier-Transport zu verstehen. Nach jeder Entladung mussten diese Wagen einem Entseuchungsbahnhof zugeführt werden, damit die Wagen gereinigt wurden und danach für den nächsten Tiertransport genutzt werden konnten.

Die Beförderung des zu entseuchenden leeren Wagens vom Entladebahnhof zum Entseuchungsbahnhof erfolgte mit diesem Hauptzettel:

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Soweit die wichtigsten Hauptzettel. Güterwagen in Zügen ohne Hauptzettel gab es  somit fast nie – einzig für durchgehende Ganzzüge, die aus nur einer Wagenart bestanden und ohne rangierdienstliche Unterwegsbehandlung vom Versandbahnhof zum Empfangsbahnhof durchfuhren, gab es die Erleichterung, dass nur der erste und der letzte Wagen mit Hauptzetteln zu versehen waren. Aber darüberhinaus waren auch leere Wagen, die in Züge eingestellt wurden, mit einem besonderen Hauptzettel, der etwas kleiner war (etwa 14,85 x 14,85 mm), zu versehen. Leider habe ich von diesem Leerwagenzettel keine Vorlage.

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Also einfach zu merken: Kein Wagen im Modellbahnzug ohne Hauptzettel im Zettelhalter!!!

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Kommen wir zum Modell:

Nun gibt es von verschiedenen Anbietern Zettelhalter mit richtig klappbaren Gitter! Bei dieser Bauart ist es durchaus möglich, einen echten Hauptzettel in den Zettelhalter zu legen. Die richtige Größe kann einfach ermittelt werden: Maße DIN A 5 h geteilt durch 45 ergibt folgende Abmessungen: 4,7 mm x 3,3 mm. Da aufgrund der Kleinheit im Betrieb auf der Anlage kaum die Anschriften des Hauptzettels lesbar sind, kann man einfach die Bilder von oben nehmen und diese in der richtigen Größe ausdrucken – der Eindruck stimmt!

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Bei Verwendung von Zettelhalter, die sich nicht öffnen lassen, hilft ein Pinsel voll weißer Farbe! Also einfach ein hochkant Viereck in den Zettelhalter malen, die Maße sind die gleichen. Wer es danach ganz genau nimmt, wischt hinterher die Farbe von der Imitiation des Gitters des Zettelhalters wieder ab. Fertig!

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Ab sofort sollte also kein Wagen in einem Güterzug ohne Hauptzettel unterwegs sein!

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Zum Schluss noch ein etwas: Der hier vorgestellte Zettel heißt Hauptzettel. Darüberhinaus gab es  auch noch sogenannte Nebenzettel, die deutlich kleiner waren und bei besonderen Eigenschaften der Ladung zusätzlich zum Hauptzettel im Zettelhalter untergebracht wurden. Da konnten Hinweise auf eine besondere rangierdienstliche Behandlung drauf enthalten sein, oder Hinweise auf Tier im Wagen oder der Vermerk, dass der Wagen vor Ablieferung an den Empfänger erst vom Zoll freigegeben werden musste. Diese Nebenzettel waren deutlich kleiner und veränderten sich sehr häufig. Wegen der Kleinheit und der vielen Änderungen gehe ich hier nicht weiter auf die Nebenzettel ein!

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Danke an Michael Ruf für die Unterstützung beim Scannen!

Comments
7 Responses to “Die „Fahrkarten“ der Güterwagen: Frachtbrief und Hauptzettel”
  1. Tolle Beschreibung – gefällt mir sehr gut!

  2. Sperling sagt:

    Wurden die Laufzettel auf beiden Wagenseiten geführt oder nur auf einer??!
    Gruß
    Thomas Sperling

  3. Berti sagt:

    Hallo Stefan,
    wie waren die Zettelhalter lackiert?
    Schwarz, Wagenfarbe oder beides?

    Gruß Berti

    • eksnap sagt:

      Hallo Berti,

      Ich kenne Zettelkästen in Braun, in Schwarz, in Metall-Silber, verrostet, vergammelt, den Körper in Braun und das Gitter in Schwarz… Dadurch, dass diese Zettelkästen durchaus auch getauscht werden, sind alle Kombinationen möglich!

      Gruß
      Stefan

  4. Wolfgang sagt:

    Auflieferungsbescheinigung ??
    Richtunktverfahrens???

    • eksnap sagt:

      Hallo Wolfgang,

      Auflieferungsbescheinigung? Stell Dir mal vor, Du gibst eine Sendung zum Transport ab und Du erhältst keinen Nachweis, dass Du diese Sendung aufgeliefert hast. Wenn die Sendung nun verloren geht und Du folglich keinen Nachweis hast, wie willst Du dann beim Transporteur Schadensersatz einfordern? Und genau um dieses zu verhindern, erhält der Absender das Frachtbriefdoppel als Bescheinigung, dass er die Sendung aufgeliefert hat und dass die Eisenbahn den Wagen mit der Ladung übernommen hat. Darüber hinaus wird auf dem Frachtbriefdoppel bescheinigt, welche Fracht und welche Nebenfrachten der Absender bezahlt hat, es dient also auch als Quittung!

      Richtpunktverfahren? Ein Verfahren, wie der Laufweg eines Güterwagens über die verschiedenen Rangierbahnhöfe in Deutschland kodiert im Hauptzettel angeschrieben wird. Es ist einfacher, im Hauptzettel Kar 23 zu schreiben als den gesamten Laufwerk wie beispielsweise Moers – Hohenbudberg – Duisburg-Wedau – Köln-Gremberg – Mannheim Rbf anzuschreiben. Die Rangierer bspw. in Hohenbudberg müssten, wenn der gesamte Laufwerk angeschrieben würde, aufpassen, dass der Wagen nicht aus Versehen bspw. zurück nach Moers liefe. Durch das Richtpunktverfahren müssen sie nur wissen, in welches Gleis Wagen mit der Kennung „Kar“ zu rangieren sind. Dieses wird in der Rangiertafel festgelegt. Der Rangierer sieht am Wagen die Info „Kar 23“ und weiß aufgrund der Rangiertafel, dass dieser Wagen nach Gleis 28 zu rangieren ist. Dort wird der nächste Zug nach Duisburg-Wedau gebildet. In dieses Gleis kommen alle Wagen, deren Beförderung über Duisburg-Wedau erfolgen soll. Die Ziele sind dem Rangierer in Hohenbudberg egal, er weiß nur, dass Wagen mit Kar, Mü, Sbr, und Esn 17 (Richtpunkt von Duisburg-Wedau, 17 war ein Beispiel, weiß nicht, welche Nummer damals die richtige war) nach Gleis 28 rangiert werden müssen. Wagen mit Hbg, Han, Esn (alle anderen Nummern außer 17), hingegen mussten in ein anderes Gleis rangiert werden.
      In Duisburg-Wedau gab es wieder einen Rangierer, der in seiner Rangiertafel stehen hatte, in welches Gleis Wagen mit der Kennung Kar zu rangieren sind. Und so war es auch in Gremberg (Wobei in Gremberg evtl. schon feiner sortiert wurde, also auch die Nummer des Rangierbahnhofs beachtet wurde).
      In Mannheim Rbf wurde dann nicht mehr auf die Richtpunktnummer geachtet, sondern nur noch nach dem Zielbahnhof geguckt und der Wagen entsprechend rangiert.
      Das war das Richtpunktverfahren in Kürze!

      Das Richtpunktverfahren wurde im Laufe der Jahre vom Knotenpunktverfahren abgelöst: Als irgendwann die Anzahl der wichtigen Rangierbahnhöfe durch Ratio-Maßnahmen auf 10 reduziert wurde, wurde auf die Kennung mit Buchstaben verzichtet und stattdessen wurde jedem der Rbf eine Ziffer zugeordnet. Weiter wurde dann mit zwei Ziffern der letzte Knotenbahnhof (dem vorgenannten zugeordnet) vor dem Ziel angegeben. Die Feinverteilung auf die dem Knotenbahnhof zugeordneten Satelliten erfolgte durch Angabe einer Ziffer hinter einem Bindestrich. Also die Ziffernfolge 301-4 könnte bspw. bedeutet haben, dass der Zielbahnhof dem Rbf Duisburg-Wedau (3) angehört und über den Knoten Moers (01) erreicht wurde. Die Ziffer 4 war der Entladestelle im Satellit-Bahnhof Rheinkamp zugeordnet. Mit Angabe dieser Ziffernfolge war der Laufweg des Wagens quer durch Deutschland nach Rheinkamp definiert (also über Duisburg-Wedau und Moers).

      Hoffe, das erklärte es Dir?

      Gruß,
      Stefan

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